Gewalt im Nahen Osten Der ehemalige israelische Botschafter in Deutschland hat ein intelligentes Buch geschrieben, das in weiten Teilen aber nicht unproblematisch ist. Einerseits suggerieren der Titel und das Cover des Buches eine Abhandlung über den Terror, insbesondere des islamistischen gegen den Westen, repräsentiert durch die USA und Israel, andererseits schreibt der Autor aber primär eine Geschichte seines Landes und des Nahostkonfliktes, und dies aus zionistischer Sicht. Für den unbedarften deutschen Leser also eine problematische Lektüre, weil er nicht nur eine eingeschränkte Sichtweise der Ereignisse seit der Kolonisierung Palästinas und der Staatsgründung Israels präsentiert bekommt, sondern auch eine gefärbte Interpretation des Nahostkonflikts und des islamistischen Terrorismus. Mit der These, dass der globale Terrorismus und der islamistische Fundamentalismus vom Nahostkonflikt nicht zu trennen sind, scheint Primor wesentlich weitsichtiger zu sein als die Neokonservativen der Bush-Administration. Diese verteidigen die Politik von Ministerpräsident Sharon vorbehaltloser als der Ex-Botschafter, der vom damaligen Außenminister und heutigen Ministerpräsidenten 1999 eine Abmahnung erhielt, als er die ultra-orthodoxe Shas-Partei als undemokratisch bezeichnete. Aber schon die Übernahme der These von der Verteidigung gegen den islamischen Terrorismus als einer Art "Weltkrieg" ist hoch problematisch, weil es die erheblichen Unterschiede im Islam nicht hinreichend würdigt und die Kulturkampfrhetorik einiger US-Wissenschaftler und Politiker für bare Münze nimmt. Der Autor fragt auch nach den Ursachen des Fanatismus in der arabischen Welt und sieht diese mit einiger Berechtigung in der Frustration begründet. In der arabischen Psyche stellt neben der Staatsgründung auch die Niederlage im Sechstagekrieg von 1967 das "Urtrauma" dar. Einige arabische Staaten machen sogar für ihre Unterentwicklung Israel verantwortlich, was natürlich grober Unfug ist. Primors Ausführungen zur Geschichte seines Landes und des Friedensprozesses sind von einer eigentümlichen Ambivalenz gekennzeichnet. Einerseits wiederholt er alle zionistischen Mythen, die keiner ernsthaften historischen Forschung mehr standhalten, andererseits ventiliert er die Legende, dass die Palästinenser jede Chance zum Frieden ungenutzt haben verstreichen lassen. Für das Scheitern des Friedensprozesses und in dessen Folge der Ausbruch der Gewalt im Rahmen der Unabhängigkeitsintifada werden die Palästinenser, sprich Yassir Arafat verantwortlich gemacht. Der Autor lässt nicht unerwähnt, dass alle israelischen Regierungen seit 1993 das koloniale Siedlungsprojekt in Form von Siedlungen und einem separaten Straßensystem weiter vorangetrieben und den Palästinensern das Leben zur Hölle gemacht haben, misst diesen Fakten aber keine größere Bedeutung zu. Die Ursache des Nahostkonfliktes liegt für Primor nicht im palästinensischen Problem, sondern in der Verweigerungshaltung der arabischen Staaten, die Existenz eines jüdischen Staates zu akzeptieren. Israel sei immer kompromissbereit gewesen, "während die Araber, die sich später Palästinenser nannten, unzugänglich blieben". Wenn jemand die unzähligen Friedenspläne, ob sie nun von den USA oder den arabischen Ländern vorgelegt worden sind, torpediert hat, waren dies die diversen israelischen Regierungen. Zuletzt wurde der Plan Saudi-Arabiens versenkt. In Anbetracht der Antisemitismusdebatten der letzten Zeit und der nicht gerade schmeichelhaften EU-Umfage zur Friedensbereitschaft Israels geht auch Primor der Frage des zunehmenden Antisemitismus in Europa nach. "Ein Jude ist heute im Westen nicht nur juristisch gleichberechtigt, sondern auch gesellschaftlich." Der Autor konstatiert für Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkrieg einen schrittweise und langsamen, aber eindeutigen und stetigen Rückgang des Antisemitismus. Die Israelis dagegen meinten jedoch, dass die Vorbehalte gegen Juden wachsen und der Antisemitismus gefährlich zunehme. Primors Buch bietet Impressionen über den islamischen und Weltterrorismus, die Gewalt im Nahen und Mittleren Osten, die Geschichte Israels und den Nahostkonflikt sowie die Rolle der USA und Europas. Seiner diplomatischen Höflichkeit ist es wohl geschuldet, dass er in zahlreichen spannenden Momenten im Unverbindlichen geblieben ist. Ludwig Watzal Leseprobe: Es existierten zwei Zuwanderungsbewegungen - die jüdische, die eine organisierte und ideologisch motivierte Bewegung war, und die arabische, eine Bewegung individueller Nachbarn und die aus Menschen bestand, die sich auf Arbeitssuche befanden, vergleichbar mit den heutigen Gastarbeitern in Europa. Diese Araber fanden in Palästina Arbeit bei den Zionisten, die das Land entwickelten und moderne europäische Wirtschafts- und Arbeitsmethoden einführten. Allerdings waren diese Gastarbeiter, anders als in Europa, keine ´richtigen` Fremden. Sie befanden sich in einem ihnen verwandten religiösen, kulturellen und nationalen Umfeld, lebten unter Menschen ihrer Herkunft, die auch die Mehrheit der Bevölkerung seit der arabischen Eroberung im 7. Jahrhundert bildeten. Avi Primor, Terror als Vorwand. Die Sprache der Gewalt, Droste Verlag Düsseldorf 2003, 237 Seiten. ISBN 3-7700-1161-9. In: Information für die Truppe, (2003) 4, S.