Nahost-Konflikt: Ist ein Frieden zwischen Israelis und Palästinensern Illusion? Ludwig Watzal, Dozent an der Uni Bonn und Autor des Buches "Feinde des Friedens - Der endlose Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern". 54 Jahre Nahost-Konflikt mit diversen Kriegen und unzähligen Toten. Und noch immer ist keine Lösung in Sicht. In diesen Tagen steht es so schlecht wie seit 20 Jahren nicht mehr. Unlösbar scheinen die immer gleichen, alten Probleme, die Frage nach dem Status von Jerusalem, die jüdischen Siedlungen in den autonomen Gebieten und die Rückkehr der palästinensischen Flüchtlinge nach Israel. NDR 4 INFO: Herr Watzal, wer sind die Feinde des Friedens vom Titel Ihres Buches? Watzal: Die Feinde des Friedens sind erst einmal die Radikalen auf beiden Seiten, die jüdischen Fundamentalisten und die islamischen Fundamentalisten. Und in der zweiten Reihe stehen die Hauptprotagonisten dieses Konfliktes, die israelische Regierung mit ihren diversen Ministerpräsidenten, die keine Konzessionen machen wollen und die USA, die als Hauptbeschützer gelten, die sich einseitig auf die Seite Israels geschlagen haben und jede vernünftige Lösung behindern. NDR 4 INFO: Ist Israel denn nicht in der Mehrheit der Fälle das Opfer der Aggression arabischer Nachbarn? Watzal: Das ist auch eine Legende, über die man diskutieren muss. Israel stellt sich immer als ewiges Opfer dar. Israel ist spätestens seit dem Unabhängigkeitskrieg zum Täter geworden. Wenn Sie sich die diversen Kriege ansehen, die Israel geführt hat, 1956 zusammen mit Frankreich und Großbritannien. Der Sechs-Tage-Krieg war ein Präventivkrieg, den Israel geführt hat. Der einzige Angriff, der auf Israel geführt worden ist, war 1973 der Jom-Kipur-Krieg. Die anderen diversen Einfälle im Libanon zeigen, dass Israel sehr aggressiv im Nahen Osten agiert und kann die Opferrolle für sich nicht mehr in Anspruch nehmen. Die Opfer sind heutzutage eindeutig die Palästinenser. NDR 4 INFO: Man sagt, Arafat habe in Camp David den Frieden verschenkt, als er die weitreichenden Angebote Baraks ablehnte. Waren diese Angebote wirklich so gut, wie der Camp David - Mythos uns Glauben machen will? Watzal: Das ist eine Legende, die von Barak und von der israelischen Delegation in die Welt gesetzt worden ist. Es war ein unredliches Angebot der Israelis. Man spricht überall bei uns in den Medien von diesem großzügigsten Angebot. Daran ist nichts großzügig. Wenn Sie auf das konkrete Angebot schauen: Arafat hätte drei separate Siedlungsblocks in der Westbank bekommen. 9 ½ Prozent des Westjordanlandes sollten annektiert werden, in denen die Hauptsiedlungen liegen. 10 Prozent macht der Jordan-Graben aus. Der sollte an Israel verpachtet werden. Arafat hätte keine Außengrenzkontrollen über diese drei Landfetzen gehabt, sondern Israel hätte die kontrolliert. Und über Jerusalem als Hauptstadt ist gar nicht gesprochen worden, sondern es hätte sich um diese drei kleinen Dörfer am Stadtrand gehandelt, die dann die Palästinenser quasi als Al-Quds hätten bezeichnen können. Über die anderen Fragen, wie Wasserkontrolle, Ein- und Ausreisekontrolle, - stellen Sie sich vor, Arafat als Präsident hätte noch nicht einmal die Ein- und Ausreise in diesen drei Landfetzen kontrolliert -, von daher ist dies eines der größten Legenden. Es hat nichts mit Großzügigkeit zu tun, sondern es war kleinlich. Und daran ist Camp David gescheitert, an dieser Intransigenz Baraks, an der Nichtdurchsetzungsfähigkeit von Präsident Clinton und nicht an Arafats angeblicher Nichtakzeptierung dieses tollen Angebots. Es war kein tolles Angebot. Es war eigentlich eine Schande. NDR 4 INFO: Wie könnte denn ein gerechter Frieden Ihrer Ansicht nach aussehen? Watzal: Ein gerechter Frieden? Ich glaube nicht, dass die beiden Kontrahenten im Augenblick dazu in der Lage sind. Ich glaube, es bedarf, um diesen Konflikt jetzt zu lösen, einer internationalen Militärintervention, die durch die UNO mandatiert wird und von den Amerikanern angeführt wird, um die beiden Konfliktparteien erst einmal zu trennen. Sie können nicht erwarten, dass eine dominante Macht wie Israel einem völlig wehrlosen Volk, das man jetzt weiter stranguliert und überfällt, dass die auf gleicher Ebene verhandeln können. Von daher bedarf es der Unterstützung der schwächeren Partei. Aber was wir sehen ist eigentlich eine Unterstützung von Seiten der Amerikaner für die stärkere Partei. Die Mission Powells ist eigentlich gescheitert. Der einzige Erfolg, den Powell hatte, war, dass Scharon ihm zugestanden hat, Arafat zu sehen. Die USA haben nicht erreicht, dass Israel aufhört mit dem Einmarsch in die besetzten Gebiete, geschweige denn, dass sie daraus abziehen. Bush hat gesagt, er meint, was er sagt, sprich, Israel solle sich zurückziehen. Scharon ist darauf überhaupt nicht eingegangen und überfällt weiter die Flüchtlingslager und begeht Massaker. Darüber muss geredet werden. Es müssen jetzt internationale Organisationen in die Lager gehen, um die Schäden aufzunehmen, um die Toten zu registrieren etc. und dann muss über Kriegsverbrechen gesprochen werden.